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Teoria e prática da psicanálise

Die Vernunft und die Pest

Alceu Fillmann (Porto Alegre)

Die Übersetzung eines humanistischen Textes aus dem Deutschen in eine romanische Sprache wie Portugiesisch ist eine schwierige und gleichzeitig reizvolle Aufgabe. Die deutsche Sprache transportiert viele, vor allem philosophische Traditionen, wobei wörtliche Übersetzungen in eine andere, bzw. in eine romanische Sprache, manchmal überhaupt keinen Sinn ergeben würden. Die brasilianische Ausgabe der Gesammelten Werke von Sigmund Freud folgt der Standard Edition und wurde vor Jahren weitgehend aus dem Englischen übersetzt. So sind viele Lösungen Stracheys auch in der portugiesischen Ausgabe zu finden, z. B. Termini wie catexia und id.

Die Warnung Freuds, er bringe die Pest nach Amerika, hat bei der Übersetzung ins Englische dazu geführt, daß Schutzimpfungen und Antibiotika dagegengesetzt wurden. Ein Text von höchst humanistischem Wert, der womöglich umgangssprachliche Wendungen oder die Physiologie der Seele in lateinischen oder griechischen Kunstausdrücken darstellte. Obwohl es, technisch gesprochen, keinen Unterschied macht (Thomä und Kächele, 1985, S. 20), ging damit doch viel vom humanistischen Charakter der Freudschen Denkart verloren, von der Wirkung seines Unternehmens, sozusagen als eine "Philosophie des Alltaglebens", die nicht vom allgemeinen, leidenschaftlichen und triebhaften Menschen abgetrennt werden kann. Die Arbeit der Übersetzung eines psychoanalytischen Textes aus der deutschen Sprache ist ein ständiger Antrieb, sich von der Pest anstecken zu lassen und auch den Leser anzustecken, indem neben der Übersetzung von einem bestimmten Wort oder Ausdruck, in Klammern oder als Fußnote, oft das Pathogen inokuliert wird.

Eine alte Frage, die die Philosophie seit Jahrhunderten beschäftigt, wird von Freud durch das Konzept des Unbewußten in Perspektive gestellt, nämlich die Frage nach dem freien Willen des Bewußtseins. Gibt es einen freien Willen, gesteuert durch die freie Vernunft, oder ist die Vernunft selbst von außen her beeinflußt? Die Formulierung des Unbewußten zeigt das Bewußtsein als ein falsches Bewußtsein, ein Objekt gebildet aus Verhältnissen, die sich anderswo vollziehen als in ihr selber, und die nur von diesem anderen Schauplatz her verständlich sind und einen Sinn bekommen. Jeder Versuch, die Gesetze, die diesen anderen Schauplatz regieren, von der Vernunft her zu verstehen, birgt in sich schon das Gesicht des falschen Bewußtseins. Obwohl das falsche Bewußtsein eine Tatsache des Bewußtseins ist, kann es doch nicht sich selbst an den Haaren herausziehen wie der berühmte Lügenbaron, bzw. kann nicht behandelt werden auf der Ebene des Bewußtseins. Es handelt sich um ein sozusagen abwesendes Objekt, das sich nicht umfassen läßt - es läßt von sich nur sagen, was es nicht ist, ein offenes Land für alle möglichen Bestimmungen, die unsere Denkfähigkeit beeinflussen. Beschrieben als Widerschein sozialer, ökonomischer, ideologischer, historischer, psychologischer, biologischer oder anderer Faktoren auf unser Bewußtsein, bleibt das falsche Bewußtsein in seiner Negativität dennoch so unbekannt wie am ersten Tag.

Die Angst vor Psychologismus hat die Forschungen in Richtung objektiver und faßbarer Faktoren getrieben, um den festen Boden nicht zu verlieren. Indem dem Bewußtsein Vorrang vor der Existenz zugesprochen wurde, begann das Bewußtsein selbst wie ein blinder Fleck zu funktionieren, wobei man daraufhin das falsche Bewußtsein von allen möglichen Richtungen her untersucht, nur nicht im Bewußtsein selber.

Vor Freud konzentrierten sich die Versuche, die Ursprünge der Illusion der Vernunft zu finden, auf zwei verschiedene Aspekte: 1) innerliche Hindernisse, nämlich die Einmischung der Affekte, relativieren die Sachlichkeit der Erkenntnis, und 2) die Beschränkungen am kognitiven Apparat, in der Form einer Unzuständigkeit der Sinne und der menschlichen Vernunft, die Wirklichkeit vollständig zu begreifen. Daraus folgten eine Psychologie der Affekte und eine Erkenntnistheorie.

Freud überbrückt das Dilemma zwischen Realität und Täuschung oder Illusion, Bewußtsein und falschem Bewußtsein, indem er die Existenz von einem irrationalen Element fordert, das die Vernunft durchdringt und konstituiert. Als unlösbares und unausschöpfliches Element stellt das Unbewußte den Vorrang der bewußten Vernunft in eine neue Perspektive und verlangt eine Redefinition der Vernunft - das Unbewußte kann nicht schlechthin abgewiesen werden. Der andere Schauplatz ist in der Vernunft selbst eingebettet, als Motivation, Leitung und Kraft des menschlichen Denkens und Handelns. Die Vernunft kann sich nicht mehr erlauben, naiv zu sein, nach der Beendigung ihrer Wander- und Lehrjahre durch die materielle Wirklichkeit, durch soziale Erlebnisse, historische Umstände, biologische Begabungen und Beschränkungen usw. Durch Freud geimpft gegen jeden Psychologismus ist sie jetzt bereits im privaten Bereich des Trieblebens zu finden, wodurch die schlichte Subjektivität überschritten wird; auch kann sie nicht irrational sein, denn die Vernunft verleugnet nicht ihre Rationalität, indem sie berücksichtigt, was sie beschränkt und leitet, vielmehr kann sie jetzt ihren Weg finden in eine Freiheit ohne Illusion.

Vieles am Ich mag selbst unbewußt sein = Sigmund Freud (1920)
Literatur

Freud S (1920g) Jenseits des Lustprinzips. GW Bd XIII, S 1-69

Freud S (1923b) Das Ich und das Es, GW Bd XIII, S 235-289

Rouanet S P (1985) A razao cativa, Brasiliense, Sao Paulo

Thomä H, Kächele H (1985) Lehrbuch der psychoanalytischen Therapie, Bd 1: Grundlagen. Springer, Berlin Heidelberg New York Tokyo


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