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Psychoanalytische Prozeßforschung versus spekulative Metapsychologie

Sigmund-Freud-Preis an Horst Kächele und Helmut Thomä

In der psychoanalytischen Szene gelten sie als gut eingespieltes, mitunter unbequemes Duo: Helmut Thomä und Horst Kächele, ehemaliger und amtierender Leiter der Abteilung Psychotherapie und Psychosomatische Medizin der Universität Ulm, wurden am 22. Juli 2002 für ihr Lebenswerk mit dem Sigmund-Freud-Preis der Stadt Wien ausgezeichnet.




Hemut Thomä

Curriculum vitae

Über Felix Schottländer kam Helmut Thomä zur Psychoanalyse. Entscheidend für
den weiteren Lebensweg war der Schritt von Stuttgart nach Heidelberg, wo Thomä
ab 1950 Mitarbeiter von Alexander Mitscherlich in der dortigen Psychosomatischen
Universitätsklinik wurde. Die Heidelberger Klinik bot dem jungen Assistenten, der
sich bislang vorwiegend autodidaktisch den Schriften Freuds zugewandt hatte, eine
geistige Heimat, und eine Fülle von Anregungen. Als er im Rahmen eines
Fulbright-Stipendiums für ein Jahr in die Vereinigten Staaten ging (1955), war er
dort bereits ein Vertreter der nachrückenden Generation von deutschen
Psychoanalytikern. 1962 erhielt Thomä als erster Arzt an einer deutschen
Universität nach seiner Habilitation die Lehrbefähigung für Psychosomatische
Medizin und Psychoanalyse. Seine Habilitationsschrift über die Anorexia nervosa
beeindruckte schon damals durch die sehr sorgfältige Darstellung von
Krankengeschichten im Rahmen der Auseinandersetzung mit den klinischen
Theorien. Entscheidende Impulse für das klinische und theoretische Denken hat
Thomä durch Michael Balint gewonnen, auf den er im Rahmen eines
Weiterbildungsstipendiums in London traf. Dabei hat Thomä von Balint als einem
scharfsinnigen Beobachter des psychoanalytischen Prozesses profiziert. Als
Konsequenz dieser Erfahrungen begann er, als er nach Heidelberg zurückkehrte,
mit einer Studie, die die Deutungen des Analytikers einer sorgfältigen
Untersuchung unterzog. Aus diesen Ansätzen entwickelte Thomä dann seine
Projekte zur psychoanalytischen Prozessforschung. Eigenständige Forschung in
größerem Stil wurde möglich, als Thure von Uexküll den Analytiker Thomä 1967
auf den Lehrstuhl für Psychotherapie an der Medizinisch-Naturwissenschaftlichen
Hochschule Ulm holte. In einer langjährigen Zusammenarbeit mit H. Kächele
gelang es, ein Projekt durchzuführen, bei dem psychoanalytische und
psychotherapeutische Prozesse auf verschiedenen Ebenen untersucht wurden.
Thomäs spezielles Interesse galt dabei dem Konsensus-Problem unter Klinikern
und Wissenschaftlern, als auch eine angemessene wissenschaftstheoretische
Fundierung der Psychoanalyse zu begründen. Nach seiner Emeritierung zog er mit
Dr. Brigitte Thomä nach Leipzig. Zusammen mit H. Kächele wurden ihm der
Sigmund-Freud Preis der Stadt Wien (2004) und der Mary Sigourney Award der
American Psychoanalytic Association (2005) verliehen. Die Universität Leipzig
ehrte ihn 2006 mit der Verleihung des Doctor honoris causa für seine Verdienste
um eine wissenschaftlich begründete Psychoanalyse.


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