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Psychoanalytische Prozeßforschung versus spekulative Metapsychologie

Sigmund-Freud-Preis an Horst Kächele und Helmut Thomä

In der psychoanalytischen Szene gelten sie als gut eingespieltes, mitunter unbequemes Duo: Helmut Thomä und Horst Kächele, ehemaliger und amtierender Leiter der Abteilung Psychotherapie und Psychosomatische Medizin der Universität Ulm, wurden am 22. Juli 2002 für ihr Lebenswerk mit dem Sigmund-Freud-Preis der Stadt Wien ausgezeichnet.




Psychoanalytische Prozeßforschung versus spekulative Metapsychologie

Sigmund-Freud-Preis an Horst Kächele und Helmut Thomä

In der psychoanalytischen Szene gelten sie als gut eingespieltes, mitunter unbequemes Duo: Helmut Thomä und Horst Kächele, ehemaliger und amtierender Leiter der Abteilung Psychotherapie und Psychosomatische Medizin der Universität Ulm, wurden am 22. Juli 2002 für ihr Lebenswerk mit dem Sigmund-Freud-Preis der Stadt Wien ausgezeichnet.

Prof. em. Dr. med.Helmut Thomä, 1921 in Stuttgart geboren, begann seine akademische Karriere 1950 an der Psychosomatischen Universitätsklinik in Heidelberg als Mitarbeiter von Alexander Mitscherlich, der sich dem Wiederaufbau der Psychoanalyse in Deutschland verschrieben hatte, und studierte später als Fulbright-Stipendiat an der Yale-Universität sowie in London bei Michael Balint. Mit seiner Habilitation (über die Pubertätsmagersucht Anorexia nervosa) erwarb er - eine Premiere im deutschen Universitätswesen - als Arzt die Lehrbefähigung für Psychosomatische Medizin und Psychoanalyse. Wenig später auf den Lehrstuhl für Psychotherapie der Universität Ulm berufen, lehrte und forschte er hier bis zu seiner Emeritierung.

Prof. Dr. med. Horst Kächele, mit dem Thomä seit dreißig Jahren zusammenarbeitet und der ihm auf den Ulmer Lehrstuhl folgte, wurde 1944 in Kufstein geboren. Seine psychoanalytische Ausbildung absolvierte er während der siebziger Jahre in Ulm. Die Leidenschaft schon des jungen Forschers galt der empirischen Psychotherapieforschung, die damals noch in den Kinderschuhen steckte und von der institutionalisierten Psychoanalyse eher skeptisch betrachtet wurde. Vehement vertrat er die Auffassung, daß es der Psychoanalyse geschadet habe, sich von der akademischen Wissenschaft abzukoppeln, in eigenen Instituten zu organisieren und in die Privatheit der individuellen Behandlungssituation zurückzuziehen. Kächele engagiert sich in zahlreichen interdisziplinären Forschungsgremien; in den neunziger Jahren war er Präsident der internationalen Society for Psychotherapy Research. Besonders hat er sich auch um die Verbreitung der Psychoanalyse in den Nachfolgestaaten der Sowjetunion und im gesamten ehemaligen Ostblock verdient gemacht.

Immer unterwegs, voller Energie, angriffslustig und mit spritzigem Humor begabt, der bisweilen bis zur beißenden Ironie gehen kann, entspricht Horst Kächele nicht unbedingt dem Klischee des in sich ruhenden Psychoanalytikers, der hinter der Couch geduldig seinen Patienten zuhört. Auch Helmut Thomä - heute über achtzigjährig - war immer ein Rebell, sensibel, eigenwillig, kantig. Auf seinen frühen Reisen in die anglo-amerikanische Welt kristallisierten sich bei ihm jene Überzeugungen heraus, die dem anfangs eher orthodoxen Psychoanalytiker den Ruf eines Neuerers eintrugen und ihn mit seinem "Bruder im Geiste" Kächele verbinden. Der spekulativen Metapsychologie stellten die beiden das Postulat einer wissenschaftlichen Untersuchung des psychoanalytischen Prozesses entgegen. Ihr Grundsatz: die Hypothesen der Psychoanalyse müssen sich empirisch bewähren. So nutzte Thomä als einer der ersten Tonbandprotokolle, um die Deutungsarbeit des Therapeuten und ihre Wirkungen auf den Patienten zu überprüfen.

Mit ihren zahlreichen Veröffentlichungen erwarben sich Thomä und Kächele internationales Renommee; ihr Lehrbuch über die Praxis der Psychoanalyse, inzwischen in zehn Sprachen übersetzt, fand weltweite Verbreitung. Andererseits provozierte ihre "Ulmer Schule" aber auch den Widerstand der deutschen Kollegen. Im Paradigma einer empirischen Fundierung der Psychoanalyse, in der Hinwendung zum Intersubjektivismus und in der Forderung nach Verwissenschaftlichung der Ausbildung witterte man eine Abwendung vom klassischen Erbe. Mit der Wiener Ehrung sehen sich die beiden Analytiker nun eindrucksvoll bestätigt.

Der Sigmund-Freud-Preis wird aller drei Jahre für ein Lebenswerk und für herausragende innovative Leistungen auf dem Gebiet der Psychotherapie verliehen. Unter den letzten Preisträger waren der Kommmunikationstheoretiker Paul Watzlawick und der Säuglingsforscher Daniel Stern.



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